Liebster Leser,

hast du je ein Gespräch absolut getötet?

Letztens konntest du einfach kein gutes Thema finden, weil du deinen Kommunikationspartner nicht so gut gekannt hast?

Ach nein, von sowas red’ ich gar nicht.

img_20171012_132032434157569.jpg

Imagine this, lieber Leser. Du sitzt in einem lebhaft geschmückten Raum. Ein wohliges Feuer im Kamin, schwere Vorhänge vor den Fenstern, ein Tisch, um den zwei einladende Sessel thronen. Du in dem einen Sessel, ich in dem anderen. Das Gespräch zwischen uns, es läuft nicht nur, es fließt dahin, es rollt stolperfrei von einem Thema zum Nächsten.

Warum spielen Leute Lotto, wenn sie beim USB Stick bei einer Wahrscheinlichkeit von 1:2 immer versagen”, fragst du.
Von der Wahrscheinlichkeit her gibt’s halt mehr Möglichkeit zu gewinnen”, gebe ich grinsend zurück. Du lachst über meine optimistischen Mathematikfähigkeiten. Ich nehm’s dir nicht übel.

Wir sitzen schon beide an den Kanten unserer Sessel, komplett vertieft in das Gespräch. Meine Wangen und mein Bauch krampfen vor Lachen. Muss ich erwähnen, dass wir uns in diesem Szenario herrlich verstehen?

Wir reden über Flüchtlinge, Gendern, Erziehung. Unsere teilweise komplett unterschiedlichen Meinungen geben uns reichlich Gesprächsstoff.

Du bekommst Hunger und holst deine Snack-Knabbernossi aus der Tasche. Genau von der Marke, die in der Volksschule der Renner war. Ich schmunzle. Du bietest mir eins an.

Bildergebnis für knabbernossi

Ich sag, ich esse kein Fleisch. Du fragst spaßeshalber wie ich überlebe.

Und plötzlich ist es still. Als hätte die bis dato unbemerkte Musik aufgehört zu spielen. An meiner linken Schläfe pulsiert sichtbar eine Ader.

Ganz.” zischt es durch meine Zähne, “Einfach.”

Oh, ein emotionales Thema also. Alsdann, denkst du, lasset die Fetzen fliegen!

Ich könnte mir nicht vorstellen ohne Fleisch zu leben”, behauptest du.

Du musst ja nicht ohne Leben, denke ich, aber ich hab noch nie die Kampf-Vegetarier-Karte gespielt, also probier ich das mal aus.

Weißt du wie viel mehr Ressourcen die Fleischproduktion verbraucht im Gegensatz zu dem Essen, das ein Vegetarier verzehrt?”  Ich persönlich weiß das auch nicht so genau.

Aber der Mensch braucht Fleisch zum Überleben. Das ist wissenschaftlich bewiesen.“

Fleischfresser sind alle solche sozialgesellschaftlichen Diktatoren!” Ich, als Sprachstudentin, räume mir das Recht ein große Worte freizügig zu verwenden, um mein Argument aufzublasen. Außerdem hab ich gehört, dass absurde Vergleiche mit autoritären Systemen das Gegenüber dazu bringt die andere Meinung ohne Vorurteile zu betrachten. (Achtung Sarkasmus)

Dein Stolz ist verletzt. Mein Stolz ist verletzt.  Jetzt geht es nicht mehr um das Thema selbst, nur noch ums Gewinnen.

Du weißt ja nicht mal mehr was gutes Essen ist!“ zischst du.

Wir werfen uns eine Absurdität nach er anderen an den Kopf. Der Raum pulsiert in rotem Licht. Blitze tanzen auf den Möbeln, hinterlassen schwarze Risse. Wir stehen, schreien, streiten. Niemand hört mehr zu. Wir hören uns ja nicht mal mehr selbst zu. Und obwohl wir Worte in verschiedenen Lautstärken verwenden, ist unser Gespräch tot. Keiner gibt nach, keiner kommt vorwärts. Es ist zwecklos. Tot. Eine tote Konversation. 

Wie mag das Duell nur enden, fragst du nun?

 

Tja, das ist dir überlassen. Und mir.

Am Einfachsten wäre es, wenn ich ruhig frage, ob du jetzt auch plötzlich Lust auf Pizza hast. Die kann man nämlich teilen und sowohl mit als auch ohne Fleisch belegen.

Oder wenn du tief einatmest und mich ohne zu lachen fragst: „Warum spielt bei Schinkenfleckerl alleweil das Fleisch Versteckerl?

Darauf antworte ich: „Warum heißt ein Negerkuss Negerkuss?“ 

Wir zeigen beide ein bisschen Humor und ein großer Streit ist leicht gegessen. (Pun intended)
Heutzutage, in der Ära der Facebook- und Instagram Diskussionen, ist es besonders wichtig sich der toten Konversation  bewusst zu sein. Da es um Einiges länger dauert ein Kommentar zu verfassen als einen Satz lautsprachlich auszudrücken, gehen mit toter Konversation Unsummen an Zeit verloren. Sollte die Diskussion wie die Obige rein aus Jux starten und die Kommunikationspartner haben ihren Spaß am Streiten – ich habe gehört, solche Leute nennt man Anwälte -, dann ist das schon gut in Ordnung. Jeder braucht ein Hobby. 

Falls aber wenigstens einer wirklich  gekränkt aus dem Gespräch hinausgeht und keiner von beiden den eigenen  Standpunkt auch nur ein bisschen geändert hat, so war es tatsächlich Zeitverschwendung. 

Diskutieren ist eine Kunst. Aber was für manche ein wertgeschätztes Jackson Pollock Gemälde ist, sind für andere nur Farbklekse. 

Liebster Leser, ein Ratschlag, den ich nach besten Mitteln versuche selbst zu befolgen: Sei ein guter Diskussionspartner. Die Basis für jeden menschlichen Kontakt ist Respekt. Und den hat jeder grundsätzlich verdient.

Hab eine schöne Woche, Mahlzeit,

Sophie

Advertisements