Going to the USA

Er ist weg. Mein Freund ist gestern im Dienste unserer Kirche weggeflogen. Er wird 9 Wochen in einer Missionarsschule in den USA verbringen, wo er Russisch und nochmal die Basics unseres Glaubens lernt. Dann fliegt er nach Russland, wo er die nächsten 22 Monate als ehrenamtlicher Mitarbeiter für die Leute dort da sein, die Gemeinden stärken und diverse Hilfsprojekte machen wird.

Und jetzt bin ich allein. Wenn ich in den letzten Monaten Leuten davon erzählt hab, haben sie mich oft mit den Worten getröstet: Es gibt ja immer noch Skype und ihr könnt einander immer schreiben.

Well, not exactly.

Nachdem es sich hier um ein, sagen wir, humanitäres Projekt handelt, werden wir uns so auf die Arbeit dort konzentrieren, dass unser Kontakt und ebenso der Kontakt zu Freunden und Familie sich auf Emails an einem Tag der Woche limitieren wird.

Oh, hab ich gesagt, wir konzentrieren uns so sehr auf die Arbeit? Yes, I did! In weniger als 4 Wochen werde ich nämlich ebenso in die Welt ausziehen. Ich werde in 4 Wochen für 4 Wochen in dieselbe Missionarsschule in den USA gehen wie er. Ich gehe kürzer, da ich die Sprache meines Missionslandes schon kann. Mich verschlägt es nämlich danach nach Washington DC. Hauptstadt. Stadt Hipstére. Stadt mit einer erschreckend hohen Mordrate, wurde mir gesagt.

In Washington DC – ja das „DC“ ist tatsächlich notwendig, denn der Unterschied zwischen Washington (State) und Washington DC ist ein halber Kontinent – steht ein Tempel meiner Kirche. Wir unterscheiden zwischen Gemeinden und Tempeln. In Gemeinden gehen wir jeden Sonntag, hören Ansprachen, geben Klassen und nehmen vom Abendmahl. Hier findet auch der occasional Tanzabend statt. Tempel gibt es nicht so oft. Für uns sind das geheiligte Gebäude in denen wir Heilige Handlungen vollziehen. Wer mehr darüber wissen möchte, einfach mich fragen, dazu bin ich schließlich die nächsten 18 Monate da und es is eins meiner Lieblingsthemen.

Bei diesem Tempel gibt es ein Besucherzentrum, wo jeder gratis rein kann und eine Führung bekommen kann. Bei dieser Führung erfährt man über die Entstehung der Kirche, die durch Engel und Propheten stattgefunden hat, man erfährt was wir Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage glauben und hoffen. Kleiner Spoiler: wir glauben, dass es sich hierbei um die Kirche von Jesus Christus handelt, wie er sie haben möchte und selbst aufgebaut hat. Außerdem glauben wir, dass der Vater im Himmel uns glücklich sehen will und das Erdenleben dazu da ist, dass wir lernen und die beste Version unserer Selbst werden und, dass wir für einander da sind, damit wir schlussendlich alle gemeinsam wieder im Himmel sein können.

Und genau in diesem Besucherzentrum werde ich genau solche Sachen den Leuten, die reinkommen, erzählen. Teilzeit. Die andere Hälfte der Zeit werde ich classic Missionieren gehen: Leute auf der Straße ansprechen, Dienstprojekte machen, Leute, die sich interessieren besuchen und belehren, sowas.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich kein Problem damit habe, Fremde anzusprechen oder über meinen Glauben zu reden. Außerdem rede ich viel und gerne. Da bin ich richtig froh in diese Mission berufen worden zu sein. Die Jackpot-Frage ist, ob ich mich nach den 18 Monaten endlich ausgeredet hab oder ob ich mich dann nur noch mehr an viel reden gewöhne. Trotzdem hab ich großen Respekt vor der Aufgabe, die mir bevor steht. Ich bin aufgewachsen mit dem Bild, dass Missionare die Leute sind, die sich auskennen. Die wissen Bescheid. Und jetzt wo ich vor diesem Punkt stehe, weiß ich sehr viel, aber es gibt unendlich viel zu lernen und zu wissen!

Was ich aber weiß ist, dass ich Glauben habe. Ich glaube an einem Vater im Himmel, der uns lieb hat. So lieb, dass er einen Plan erstellt hat, dass jeder von uns glücklich sein kann. Ich glaube, dass meine Kirche diesen Plan lehrt und dass er auf Nächstenliebe und Gemeinschaft gründet. Ich glaube, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und dass es ein gutes Leben sein wird.

Ich weiß auch, dass Hoffnung auf einen Gott stärker ist als zu wissen, dass es ihn gibt. Hoffnung bewegt uns dazu etwas zu tun, dafür zu arbeiten gut zu sein. Hoffnung und Glauben gehen Hand in Hand und können Berge versetzen. Wer also keinen Glauben hat, den ermutige ich zu hoffen.

Lieber Leser, Gott hat Dich lieb. Ich hab Dich lieb. Hab einen angenehmen Tag,

Sophie

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Die Jagd auf den Fahrschein

Liebe Leute,

ich bin als Student sehr verwöhnt. Zweimal im Jahr kauf ich mir ein Semesterticket und in den Sommermonaten kaufe ich zwei Ferientickets. Ende. Mehr Fahrschein brauche ich im Jahr nicht.

Die letzten drei Tage waren jedoch untermalt von ständigem Ausschauhalten nach Fahrscheinautomaten. Die letzten drei Tage durfte ich nämlich mit meinem Lieblingsmenschen die Weltmetropole Prag erkundschaften. Und dort hab ich weder ein Semester- noch ein Ferienticket. Und Fahrscheinautomaten sind rar und sporadisch in der Stadt verteilt.

Moderne „Weltmetropole Prag“ klingt fast übertrieben. Die Gebäude hinterlassen nämlich einen gänzlich anderen Eindruck. Monumente und Kirchen halten sich in eindeutigem spätgotischen Stil. Ebenso eindeutig zeichnen sich viele Hotels, Kirchen und Wohnhäuser als Jugendstil ab – so eindeutig, dass selbst ich als Laie das erkannt hab… Obwohl ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich Gebäude einfach immer mit der Wiener Votivkirche für das Stichwort Gotik und mit der Secession am Karlsplatz für den Jugendstil vergleiche. Was soll ich sagen, Wien bildet!

Im Zentrum Prags sieht man diese antiken Seiten aber oft nur, wenn man weiter nach oben schaut. Im Erdgeschoss – oder besser gesagt: auf Touristenhöhe – findet sich eine Touristenfalle nach der anderen. Nach viel Recherche, die im Wahrheit zu hundert Prozent auf empirischer Beobachtung basiert, konnten wir die typischsten Betriebe ermitteln – vielleicht so typisch, dass sie inzwischen schon als authentische Prager Geschäftslokale zählen. In einem Radius von sieben Häuserblöcken, mit der höchsten Dichte um die berühmte Karlsbrücke herum, wobei das östliche Gestade der grandiosgrünen Moldau eine stärker ausgeprägte Touristenkultur aufweist als das westliche Ufer, finden sich alle zwölf Schritte ein Trdelnik Verkäufer, alle dreimal Umfallen ein Absinth Mini Market (Untertitel: Alcohol – Cannabis – Cigarettes) und pro Häuserblock ein Thai Massage Etablissement inklusive roter Vorhänge im Hintergrund für „Privatmassagen“.

Doch abseits der ärgsten Touristenstraßen ist Prag eine bezaubernde Stadt. Das Auge kann sich kaum satt sehen an den edlen Häusern in rosa, blau und grün oder gar an den Kirchen im Jugendstil mit deren goldenem Schnickschnack. Auf dem Vyscheradfelsen ist ein unvergleichliches Burgareal inklusive eindrucksvoller Statuen und Parks. Für die müden Spaziergänger gibt es zahlreiche Bänke und viel Grün. Meine Uroma sagt immer: Grün ist gesund fürs Auge. Das kann ich nach einem Vormittag dort bestätigen.

Und spätestens jetzt klingt dieser Blogpost wie eine Reisebroschüre! Prag ist halt nicht umsonst eine so gut besuchte Stadt.

Was ich jedenfalls aus diesem 3 Tagestrip mitgenommen habe ist, dass es nicht wirklich wichtig ist wohin man fährt. Wichtig ist mit wem man fährt, weil dann sieht man an jeder Stadt die allerschönste Seite.

Und ich bin unbeschreiblich dankbar für meinen Travelcompanion, der genauso begeistert von hübschen, alten Häusern ist wie ich. Der dieselbe Vorstellung von Städtetrip hat wie ich, nämlich ziellos durch die Stadt zu wandern und den Charakter der Stadt kennenzulernen, auch wenn er um einige km/h schneller geht als ich. Ein Muskelkater vom Schnellgehen ist für mich auch eine neue Erfahrung! Es ist immer gut zu spüren, dass man was gemacht hat.

Wie viele wissen, werde ich sehr bald eine weitere Reise antreten. Diese wird nicht nur 3 Tage sein und sie wird auch nicht mit meinem Freund sein. Trotzdem freu ich mich drauf. Ich freu mich auf ein neues Land, eine neue Stadt und darauf meine künftigen Reisepartner, Mitbewohner und Kollegen kennen zu lernen. Auch wenn diese ein anderes Schrittempo haben, ich freu mich drauf von ihnen zu lernen und mit Fremden ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Ein Muskelkater hat noch niemandem geschadet.

Sophie